Freak Valley Festival 2024

Ein Erlebnis-Bericht von „SAM on the Rocks“

Tag 1 im Valley

2024 findet das legendäre Freak Valley Festival nun bereits zum elften Mal statt, und für uns ist es das zehnte Mal, dass wir dabei sein dürfen. Somit begeben wir uns an diesem Mittwochabend auf unsere Jubiläumsfahrt auf die Autobahn in Richtung Siegen/Netphen/Deuz. Kurz nach Mitternacht kommen wir vor Ort an und beziehen unseren vorrübergehenden Park- & Schlafplatz, bis wir am nächsten Morgen unseren zugewiesenen Park- & Wohnplatz bis Sonntag beziehen. Erste Begrüßungen und Gespräche machen klar, dass es gerade arg wuselig und stressig ist für das gesamte Team, denn der ausgiebige Regen in den letzten Tagen hat die Böden aufgeweicht, und es müssen schnellstmöglich doch noch eine Menge zusätzlicher Ausweichflächen organisiert werden als befürchtet. Aber es wären nicht die Rockfreaks, wenn sie das nicht hinbekommen würden, und somit haben wir wenig Sorge, dass sich die Situation als bald entspannen wird. Am heutigen Donnerstag geht es auch erst um 15 Uhr auf den Platz, also noch genug Zeit um uns in unserem Transporter entsprechend häuslich einzurichten, und die erste Mahlzeit des Tages auf dem Gaskocher auf Temperatur zu bringen.

Wettertechnisch wird dieses Freak Valley sicherlich nicht unter meinen Top Ten landen, und vermutlich auch nicht unter den Top Drei, aber was soll´s es ist halt Festival und kein Karibik Urlaub. Also rein in die Lederjacke und ab in die Schlange beim Einlass und das traditionelle Foto vom Banner geknipst. Bei leichtem Niesel betreten wir mit frischem neuen Bändchen die „Meile“ und sind wieder „Zuhause“. Mit jedem Meter trifft man Freunde, Bekannte, und die wunderbaren Menschen, die sich Jahr für Jahr Arme und Beine ausreißen, um all das hier möglich zu machen. Und wie in jedem Jahr gibt es hier und da ein paar Kleinigkeiten, die anders sind. Ich möchte nicht wissen, wie viele sich anfänglich wie gewohnt in die Schlange vor der rechten Garage eingereiht haben, um ihre Chips an den Festival-Bändchen aufzuladen, bis sie festgestellt haben, dass es hier zwar jede Menge leckeres Craft-Bier gibt, aber keine Aufladestation. Diese ist in diesem Jahr umgezogen in die Halle links von der Bühne, und mit vier statt zwei Plätzen auch deutlich besser aufgestellt. Das war zumindest der Plan, der bis zu diesem Zeitpunkt auch noch gut funktioniert. Zwischen Einlass, aufladen und erstem Getränk vergehen für uns keine 10 Minuten. Unsererseits somit mal wieder ein doppeltes Daumen hoch, doch es wird noch anders kommen, aber dazu später mehr, denn es ist nun kurz vor 16 Uhr, und für uns gibt es zu diesem Zeitpunkt nur einen Platz: Vor der Bühne stehen und auf Volker warten, der die obligatorischen magischen Worte spricht. Und natürlich steht er schon in den Startlöchern und greift zum Mikrophon „Liebe Freunde….“ Ach wie haben wir alles es vermisst. Und damit beginnt das diesjährige elfte Freak Valley Festival.

Die erste Band kommt aus Norwegen und heißt Full Earth. Damit haben sich die Freaks in diesem Jahr eine wirkliche Perle als Opener ausgesucht. Psychedelic instrumental heavy Rock mit Charme und Talent. Ihre ausgefeilten Kompositionen und eingängigen Riffs in Kombination mit der Orgel treiben die, trotz des durchwachsenen Wetters, sehr zahlreichen Gäste in Sphären die man vom Freak Valley durchaus erwartet und kennt. Die herausragende Qualität dieser Opener-Band kommt allerdings auch nicht von ungefähr, ist Full Earth doch quasi das neue Projekt des Schlagzeugers Ingvald Vassbø (Kanaan und Motorpsycho), welcher quasi Kanaan um zwei weitere Musiker, nämlich Øystein Aadland an der Orgel und Simen Wie an Bass/Gitarredie erweitert und allen gemeinsam eine leicht andere Stilvariante auf den Leib geschrieben hat. Hier geben die fünf Musiker nun ihr extrem gelungenes Debut-Album zum Besten. Ein brillanter Auftakt, und das Wetter spielt zu diesem Zeitpunkt noch wunderbar mit.

Im Gegensatz zu den inzwischen unglaublich langen Schlangen vor der Chip-Aufladestation und bei den Bierständen. Wo zum Henker kommen am Donnerstag auf einmal schon so viele Leute her, und das auch noch um diese frühe Tageszeit? Mit meiner Verwunderung bin ich auch offensichtlich nicht ganz alleine, denn in den diversen Begrüßungsgesprächen wird das fast jedes Mal zum Thema. Außer als ich auf Bill treffe, den Sänger der wunderbaren Stoner-Band Bushfire, der mir komplett euphorisch sein quasi noch blutendes brandneues Tattoo unter die Nase hält, und mich binnen kürzester Zeit überredet es ihm gleich zu tun, da ich ja schließlich genauso verrückt und spontan bin, wie er auch. Tja und was soll ich sagen, noch bevor Daevar aus Köln als zweite Band die Bühne betreten, bin ich die zweite Person, welche die  FVF-Initialen als Logo am Innenhandgelenk unter der Haut trägt.

Aber zurück zu Daevar aus dem Großraum Köln. Das psychedelic-Doom-Trio um Caspar an der Gitarre (und Veranstalter des Hoflärm-Festivals), Moritz an den Drums und der charismatischen Pardis an Bass und Gesang steht den Openern in Nichts nach. Stilistisch befinden wir uns jetzt zwar auf einer sehr viel schwerlastigeren Welle, die aber durchaus mit überraschend groovigen und melodiösen Parts aufwartet, was ihrem neuen Album sicherlich nicht ohne Grund 9,8 von 10 Punkten beim Time for Metal Magazin eingebracht haben dürfte. Und ich komme nicht umhin zu bemerken, dass Pardis mich optisch irgendwie ein ganz kein wenig an die Sängerin der Bangles erinnert, wenngleich hier musikalisch durchaus kräftigere Töne vorherrschen. Den Nerv des stets immer noch zahlreicher werdenden Publikums treffen die Drei offensichtlich, denn das so typische kollektive Kopfnicken verbreitet sich wie ein ansteckendes Virus (oh nein bitte nicht schon wieder…).

Für einen entspannten Soundtrack sorgen nun Kanaan aus Norwegen. Ja, hier sehen wir drei der fünf Norweger bereits wieder. Interessanter Weise haben mir Full Earth mit der Orgel insgesamt im Vergleich ein wenig mehr zugesagt. Insofern bin ich mir nicht ganz so sicher, ob es so sinnvoll ist mit beiden Varianten an einem Tag auf einem Festival aufzutreten. Aber dennoch sind und bleiben Kanaan stets immer wieder eine hervorragende Wahl, denn die ausgefeilten Kompositionen haben eine exzellente Qualität, und im Besonderen die hier und dort unerwarteten Wendungen innerhalb einiger Songs sorgen immer wieder für überraschende Momente. Für Liebhaber des Kraut- und Psychedelic-Rock gehören Kanaan definitiv in den heimischen Plattenschrank.

Irgendwie kommt in mir gerade jetzt ein gewisses Ping-Pong-Gefühl auf, denn jetzt wechseln wir musikalisch bereits wieder in Richtung Doom und wieder zu einem Trio. Mit Black Pyramid aus Massachusetts/USA haben wir hier nun aber drei gestandene Kerle auf der Bühne, die bereits seit 17 Jahren genau wissen was sie tun. Technisch gibt es bei dieser Band eigentlich gar nichts zu meckern, aber leider grooven sie mich nicht so sehr wie ihre heutigen Vorgänger von Daevar. Erfahrung mag etwas Gutes sein, an diesem Tag hat mich aber die noch etwas ungeschliffene frische Variante von Daevar mehr gekickt. Aber das ist eben auch nur mein Empfinden. Während sich also die Bässe und Riffs wie ein schwerer Ozeandampfer nach vorne schieben, schiebt sich die Schlange beim Bändchen aufladen noch wesentlich langsamer vorwärts. Diese reicht inzwischen quasi einmal um das komplette Infield herum. Mich fasziniert und irritiert die Fülle des Platzes an diesem Donnerstag gleichermaßen. Möglicherweise sind einfach viel mehr Leute da als in den letzten Jahren, oder es könnte allerdings auch daran liegen, dass die Leute einfach keine Lust haben in ihren nassen schlammigen Zelten zu sitzen. Bisher war für mich der Donnerstag immer der Tag des Ankommens, der noch gechillt und familiär vonstattengeht. In diesem Fall ist es mir einfach jetzt schon viel zu voll, obwohl wir gerade erst um halb Neun noch drei weitere Bands vor uns haben.

Glücklicherweise holen mich C.O.F.F.I.N. von diesen Gedankengängen schnell wieder weg. Das musikalische Quartett aus Australien, genau genommen Sydney, dessen Bandnamen man Chrildren of Finland Fighting in Norway ausschreibt, ist ganz nach meinem Geschmack. In Anlehnung an Lemmy von Motörhead und dem gleichen Sinn für Rock’n’Roll grooven die Australier volles Pfund nach vorne. Hier kann man mal auch wieder einen Schlagzeuger als Sänger erleben. Die vier Kerle aus Sydney grooven wie die Hölle, und im Infield geht es richtig ab. Erste Leute sind am Crowdsurfen und im Center ist mächtig viel Bewegung. Ich genieße den satten kernigen Rock´n Roll bei dem sich im Hirn selbstversorgend der imaginäre Geruch von Whisky, Motoröl in Kombination mit rauchigem Zigarrenqualm einstellt. In diesem Fall wird selbiger in unzählige Seifenblasen verpackt, die zu wunderbaren kleinen Rauchwölkchen zerplatzen, die das Publikum sehr erfreuen, die Fotografen aber dann wohl doch ein wenig stören, weil es direkt vor Linse dann doch recht vernebelt aussieht. Aber auch diese Jungs schaffen es heute nicht mehr mich zum Headbangen zu animieren. Allerdings liegt das weniger an der Musik, als mehr am Wetter.

Zu ungemütlich, zu nieselig, zu kalt, zu viel angezogen. Noch während die Band ihre letzten Töne spielt und die Menge begeistert, machen wir uns auf den Weg zu unserem geliebten Falafel-Stand im Garagen-Komplex. Aber …Moment… was ist hier los? Kein Falafel-Stand da! Wir können es nicht fassen, unsere geliebten Falafel, die wir traditionell jedes Jahr massenhaft vertilgen, sind nicht da! Seit 10 Jahren freuen wir uns jedes Jahr auf „unsere“ Falafel und nun gibt es dort nur noch Pizza. Was essen wir denn jetzt, wir werden elendig verhungern! (kleiner Scherz, es gibt ja zahlreiche wunderbare Alternativen) Unsere Wahl fällt dann auf Bratkartoffeln mit geschmorten Zwiebeln. Leicht gesättigt geht es dann wieder zurück vor die Bühne denn Slomosa stehen auf der selbigen. Die dritte Band aus Norwegen an diesem Tag, welche sich dem oldschool Stone-Rock, wie man ihn von den Urvätern von Kyuss kennt, verschrieben haben. Musikalisch absolut herausragend grooven sie die Massen vor der Bühne von vorne bis nach hinten komplett durch. Für für mich ist einzig und allein der Gesang ein Störfaktor. Ich würde diese Band abgöttisch lieben, wenn der Gesang nicht wäre. Spielerisch auf höchstem Niveau kommt die Stimme des Sängers doch qualitativ eher an eine Schul-Punkband heran, was mir den Auftritt an sich doch sehr verleidet.

Diese verhagelte Stimmung überzieht leider auch den nachfolgenden Auftritt von Monolord aus Schweden. Zu sehr ist der erste Teil des Bandnamens hier das doominante Thema. Mir ist es zu monoton, und so verabschiede ich mich in die Waagerechte, nicht ohne imaginär ein weinendes hungriges Klagelied über die fehlenden, in unfassbar leckerer Soße eingehüllten Kicherebsenbällchen mit Salat in der Teigrolle zu singen.

Tag 2 im Valley

Der Tag beginnt recht kühl aber trocken. Django überträgt seine Bilder der Kamera auf die Festplatte und dazu gibt es Kaffee und Rührei zum Frühstück.

Ab 12:30 kann man beim Doom-Yoga an der Dj-Stage die Gelenke und Muskeln dehnen und biegen, um sich für den Tag beweglich und fit zu machen, was erstaunlicher Weise durchaus zahlreich in Anspruch genommen wird, trotz des feuchten Bodens und der noch recht kühlen Temperaturen.

Das Infield wurde mit frischem Holzgeschnetzeltem dick ausgelegt, welches einen wunderbaren Wald-Duft verbreitet, welcher bereits jetzt mit leichten Schwaden sanfter Kräuter durchzogen wird.

Heute startet der 2. Festival-Tag um 13:15 pünktlich wieder mit Volkers so typischen „Hallo Freunde“ und Dead Air aus Groß Britannien. Entgegen der Beschreibung im Festival-Heft (Heavy Punk/Noise Rock) überraschen die drei Briten mit einer sehr eingängigen harmonischen Mischung aus Alternative/Retro/Modern-Stoner-Rock mit gelegentlichen Ausbrüchen in Metal und Funk. Der Sänger und Bassist sticht hier nicht nur optisch heraus, sondern beeindruckt mit einer gut ausgebildeten und variablen Gesangsstimme. Von tief und sanft bis in die mittleren Höhen, über kernig-rauchiges Grollen bis zu den voluminösen Passagen sitzt hier jeder Ton. Das hätte ich mir bei/für Slomosa gestern auch gewünscht, aber hier ist einzig die Frisur vergleichbar. Bei den letzten beiden Songs drehen Dead Air den Hahn nochmal richtig auf, und die ein zwei bassistischen Ausflüge in Richtung funky-Chilli Peppers machen das Ganze richtig rund. Dazu grinst doch tatsächlich eine wärmende Sonne auf das gesamte Ensamble auf und vor der Bühne. Und so kommt nun auch endlich dieses typische Freak Vally Family Gefühl auf, welches durch das allgegenwärtige selige Lächeln noch unterstrichen wird. Vor der Bühne wird zahlreich genickt, getanzt und gejubelt, und eigentlich ist der Auftritt viel zu kurz.

Anschließend starten Demonauta aus Chile ihren Auftritt, bei dem die Hackschnitzel unter den Füßen der Gäste ordentlich verdichtet werden. Treibender Stoner mit Fuzzy Notes und einer doomigen Prise sind das lateinamerikanische Rezept dieses Mittagsgerichtes.

Die zunehmende Kleidungsreduktion greift ebenso um sich, wie die Ausbreitung der Picknickdecken. Summer-Vibes im Valley 🥰

Im Anschluss geht es dann etwas jazzig-mathematischer zur Sache, denn Stinking Lizaveta aus Philadelphia/USA sind am Start. Technisch absolut on Point agiert das instrumentale Trio auf der Bühne und hat sichtlich Spaß dabei. Ausuferndes Gitarrengefrickel kann ja schon mal nervig werden, aber hier wird es in ein angenehm eingängiges Gewand gekleidet an dem es nichts zu nörgeln gibt. Für mich eine bisher unbekannte und ungesehen Band, die ich mir gerne auch noch ein zweites oder drittes Mal ansehen könnte.

Aber jetzt ist Schluss, denn Fuzzy Grass aus Frankreich machen sich bereit. Meine Lieblinge zaubern den wunderbaren 60/70s psychedelic Retro-Rock mit einer unfassbaren Perfektion und Leidenschaft auf die Bühne, dass es eine wahre Freude ist ihnen dabei zuzusehen. Egal ob an der Gitarre, Bass, Drums, Orgel, Tirimi oder Gesang, hier stimmt einfach alles. Für mich die fusionierte Melange aus LED Zeppelin, Hendrix, Joplin, Cocker, ect. Einfach nur ein Genuss, der leider viel zu schnell vorbei ist. Diese Band kann in den kommenden Jahren durchaus eine ähnliche Karriere machen, wie Bands wie die Blues Pills oder vielleicht sogar die Rival Sons.

Mit TÖ YÖ aus Tokio wird es nun krautiger. Schon faszinierend, dass sich die Japaner, wie zahlreiche weitere asiatische Bands gerade den deutschen Krautrock als Inspiration aussuchen. Wobei TÖ YÖ das Ganze mit Ausflügen in Funk, Boogie und leichten Heavy Notes ausschmücken. Ich mag ja sehr was da musikalisch passiert, mich stört nur immer dieses offenbar kulturell anerzogene statische Leidenschaftsdefizit. Man hört, dass sie es lieben, aber man sieht es nicht wirklich. Ganz im Gegenteil zur nächsten Band. Hier heißt es auf und vor der Bühne: totale Eskalation!

Sag Hans zu mir, denn Dÿse sind da! Das deutsche Duo reißt mal wieder alles ab, und das volle Infield singt lauthals mit. Mehr muss man nicht zu Dÿse sagen, denn sie sind immer ein Garant für die schrägste Party im Valley. Man muss es mit eigenen Augen und Ohren erlebt haben, um es zu verstehen. Auf Platte schön und gut, aber live absolut einmalig! Diese unbändige Energie, die sich 1:1 auf das Publikum überträgt und wieder zurück auf die Bühne schwappt, ein grandioses Wechselspiel. Die zwei Berliner verstehen absolut die Massen mitzureißen. Egal wie verrückt, lyrisch oder tiefgründig ihre teils sehr kryptisch verpackten Botschaften sind, zwischen Band und Publikum gibt es immer dieses unsichtbare Band, was alle miteinander verbindet, ansteckt und in dieser so teils so skurrilen Absurdität zu einer Einheit werden lässt. Ihren „Stil“ benennen sie selbst mit „The New Wave of German Noise Rock“ und ich selbst wüsste auch nicht, wie man es anders in Worte fassen könnte. Wer sie nicht kennt: Schaut sie Euch live an, ansonsten werdet ihr vermutlich den Hype und die Begeisterung für dieses Duo nicht erfassen können.

Foto: ( Django Foto)

Während dessen erblicke ich diese blaugrünen Haare beim Backstage-Eingang… Mephi ist da! Die personifizierte Spielfreude am Bass von Daily Thompson. Und Danny steht gleich daneben, nur Bubbelz scheint noch nicht da zu sein. Dennoch wird schon einmal überschwänglich begrüßt und die „Top Secret Info“ gestreut, dass sie im Anschluss zu Dÿse einen Secret-Surprise Auftritt auf der kleinen Dj-Bühne spielen werden. Unnötig zu erwähnen, dass das neue Album der Hammer ist, und vor der Bühne die Hölle binnen Sekunden los ist, als die drei in ihre Instrumente greifen. Was für eine grandiose Überraschung!

Viel zu schnell ist dieses Intermezzo allerdings vorbei. Und weil man sich ja nicht so oft sieht, habe ich mich auch noch so dermaßen verquatscht, dass mir ausgerechnet 1000Mods aus Griechenland auf der Mainstage durch die Lappen gegangen sind. Die wollte ich eigentlich unbedingt mal wieder live gesehen haben. Wer mich kennt weiß, dass ich ein absoluter Fan der griechischen Stoner/Psychedelic-Szene bin. GRMPH Glücklicherweise hat Django sie zumindest Foto-technisch einfangen können.

Zu Alex Henry Foster & The Long Shadows bin ich dann aber wieder rechtzeitig vor der Bühne, und extrem gespannt, wie diese Band hier aufgenommen wird. Ich persönlich war etwas überrascht sie im Line up zu sehen, aber das Valley ist ja immer für eine Überraschung gut. Für die Hardcore-Doomer/Heavy/Stoner/Sludge-Fraktion dürfte das was jetzt von der Bühne schallt vermutlich nicht so mitreißend sein, aber alle anderen genießen diese Fusion aus Post-Punk/Post-Rock mit Gary Numan Vibes und kernig treibenden Rock/Heavy-Passagen, welche mit Percussion und Bläsern zu einer einzigartigen gefühlvoll mitreißenden Melange grandioser Kompositions-Kunst verschmilzt. Bandleader und Mastermind Alex Henry Foster blickt mit seinen gerade mal 34 Jahren auch schon auf eine beeindruckende Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen zurück, die durchaus für eine Biographie im Format von „Krieg und Frieden“ anzusiedeln wäre.

Wenn man ihn heutzutage erlebt kann man sich wohl kaum vorstellen, dass er sich in jungen Jahren in der rechten Szene bewegt hat, dank der Hilfe und Unterstützung seines Vaters aber ausgestiegen ist, und sein Leben vollkommen gedreht hat. In seiner Vita finden sich anschließend vielverzweigte Tätigkeiten, wie zum Beispiel Sozialarbeiter, Kongresssprecher, Schauspieler, Sprecher und Mitglied von Amnesty International, Produzent, Komponist und einiges mehr. Bindeglied zwischen all dem ist seine Spiritualität. Kurz nach der Gründung von „Alex Henry Foster & The Long Shadows“ hat er mit seiner Band bereits 2019 beim Montreux Jazz Festival auf der Bühne gestanden und mit seinem Debut-Album wochenlang Platz 1 der kanadischen Album-Charts angeführt. Noch beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er und seine musikalische „Familie“ das gesamte Album nicht nur selbst produziert, sondern auch selbst auf Vinyl gepresst, verpackt und verschickt haben. Der Kanadier ist offensichtlich ein getriebener Workaholic voller musikalischer Leidenschaft und spiritueller Emotion. Diese unbändige Energie rächte sich allerdings 2023, als er eine lebensbedrohliche Operation am offenen Herzen durchstehen musste, die für ihn wohl auch eine Art Erneuerung und ein zweites Leben bedeutet. Und das merkt man mehr als deutlich bei diesem Auftritt hier im Valley. Foster wirkt hoch emotional, tief berührt und hat keinerlei Bedenken dies auch vollkommen offen zu zeigen. Diese schonungslos ehrliche Verletzlichkeit spürt man noch einmal mehr in jedem Ton dieses Konzertes, und sie reißt einen vollkommen mit. Da stören einen nicht einmal die wenigen vereinzelten Leute, die sich daran stören, dass er mehrfach kundtut, wie viel es ihm bedeutet nach dieser schweren Operation wieder auf der Bühne stehen zu können. Für mich neben Fuzzy Grass heute definitiv mit Abstand Platz 1 meiner Rangliste.

Zum heutigen Finale stehen Osees im Anschluss auf der Bühne. Im Festival Heft ist auch nur textliche Ratlosigkeit zur Stilrichtung der Jungs aus San Francisco zu finden. Als sie dann mit zwei Schlagzeugen vorne auf der Bühne loslegen weiß ich auch warum. Es gibt KEINE Schublade für das was die da auf der Bühne passieren lassen. Es wird schlicht und ergreifend nahezu alles in den Schmelztigel geschmissen, was es an Stilrichtungen zu finden gibt, und mit jedem Teller Suppe kommt eine vollkommen andere Variation auf den Tisch. Aber, und das ist das Faszinierende, es schmeckt immer hervorragend und ist extrem gut gewürzt! Es ist erstaunlicher Weise das erste Mal, dass die 1997 in San Francisco gegründete Band im Valley auf der Bühne steht, aber hoffentlich nicht das letzte Mal.

(Foto: Infield by Volkhard Kulisch ( Django Foto))

Tag 3 im Valley

Während ich extrem gut geschlafen habe, quälen Django die Knochen und Muskeln. Nach zwei Tagen Kamera-Schlepperei und nicht besonders sommerlichen Temperaturen ist das allerdings auch verständlich. Umso demotivierender, dass ausgerechnet am letzten Tag die Wettervorhersage so gar keinen Spaß macht. Auch der Morgen beginnt schon grau und feucht und ich möchte nicht wissen, wie es sich oben auf dem Campground in den Zelten anfühlt. Also erst einmal heißer Kaffee und Frühstück. Der letzte Tag ist gefühlt immer der längste und schwierigste, weil man sich emotional irgendwann bewusst machen muss, dass das Freak Valley heute wieder endet für ein ganzes Jahr. Aber glücklicherweise noch nicht jetzt, denn noch haben wir den gesamten Tag vor uns. Und so gehen wir eingehüllt in unsere Regenmäntel um 12 Uhr ein letztes Mal für dieses Jahr auf das Gelände. Überraschender Weise gibt es tatsächlich noch ein paar Hard-Core-Yogis vor der Dj-Bühne, die sich im Nieselregen zum triefenden Schwan verbiegen.

Auf der Bühne wird fleißig gechecked, denn um 13:15 soll ja die erste Band pünktlich starten. Und nachdem Volker die Niederländer standesgemäß angesagt hat, starten Splinter auch kompromisslos voll durch. Die erste heavy Glam-Rock Band in diesem Jahr auf der Valley-Bühne, und dann auch noch so ein Brett! Wobei dies nicht von ungefähr kommt, denn diese Band ist quasi eine Niederländische Supergroup. Ihre vier Bandmitglieder sind ein Zusammenschluss aus den Ex-Membern von Death Alley, Birth Of Joy und Vanderbyst, nur dass sie hier mit Splinter ihre Leidenschaft zum Bubblegum-Heavy´n Roll ausleben. Douwe am Gesang und an der „Hüfte“ hat sich glücklicherweise von seinem Kurzhaarschnitt verabschiedet, denn die halblangen Haare stehen dem tanzwütigen Frontmann an dem ein wahrer Entertainer verloren gegangen ist, weitaus besser. Neben seiner energiegeladenen Performance, seiner Stimme und den Tanzmoves kommt auch die Message auf seinem Shirt bei einigen, der doch auch heute bereits wieder zahlreich anwesenden Gäste ziemlich gut an. „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Die Ton Steine Scherben/Rio Reiser Botschaft ist für einige im Valley quasi ein Insider. Nach dem zweiten Song haben die Vier so ziemlich jeden auf dem Platz an den Eiern, wenn ich das mal so vulgär schreiben darf. Selbst der Regen hält kaum jemanden ab vor der Bühne zu stehen und bei der Show dabei zu sein. Selbst bei den mehr als ausufernden Solis an der Hammond und an der Gitarre, bei denen der Sänger mal eben locker nach Malle fliegen, sich mit einem Cocktail an den Strand setzen und entspannt wieder zurück hätte fliegen können, langweilen keine einzige Sekunde lang, sondern sorgen für Begeisterungsstürme und vielseitige Tanzeinlagen vor der Bühne. Zeitweise blitzen in einzelnen Songpassagen kleine B52´s-Rythmen durch, und dann wieder groovende fast glitzernde The Sweet-Momente. Während man Douwe das Grinsen fast mit Gewalt aus den Mundwinkeln hämmern müsste, schaut Gertjan an der Hammond immer etwas mumpfig aus der Wäsche. Da er mich aber auch irgendwie optisch ein wenig an Rowlf von den Muppets erinnert, ist das in Kombination schon wieder irgendwie grandios. Ebenso grandios ist es, wie seine Hände die Tasten der Orgel bearbeiten. Während des zweiten sensationellen Gitarrensoli von Sander scheint Douwe mal eben nach Siegen in ein Sportgeschäft gefahren zu sein, um sich eine „sexy“ 70s Addidas Sport-Shorts zuzulegen, in der er jetzt unter infernalischem Jubel zurück auf die Bühne springt. Was für eine Show, was für ein Spaß! Von mir gibt es für diesen Auftritt eine glatte 15 von 10 möglichen Punkten!

Darauf muss erst einmal ein angemessenes Kaltgetränk zu sich genommen werden, welches von begeisterten Gesprächen über diese Band flankiert wird. Für die nächste Band wird das jetzt nicht einfach befürchte ich. Die Norweger von Gravy Jones stehen auch schon auf der Bühne. Auch hier gibt es wieder eine Orgel, diese allerdings steht auf der gegenüberliegenden Seite und gibt einen interessanten Blick auf ihr Innenleben preis. Man sieht die sich drehenden Hörner, die Mechanik und die teils wirklich abenteuerliche Verkabelung. Mich begeistern solche Einblicke in die Funktionsweise eines Instrumentes jedes Mal, und so ist es für mich auch nicht ganz so tragisch, dass mich die Band musikalisch jetzt nicht im Ansatz so begeistern kann, wie es Splinter gerade getan haben. Musikalisch lehnen sich Gravy Jones an die frühen Sabbath-Jahre an, und die voluminös raue Stimme des Sängers gibt dem einen wunderbar eigenen Touch. Schwermütig groovend zieht der Norwegische 4-Master seine Bahn durch das eisige Meer, während die Orgel der Wind in den riesigen Segeln zu sein scheint, der das Schiff voranträgt. Für mich an dieser Stelle in Kombination mit dem echten grau bedeckten Himmel ein wenig zu depressiv, obwohl der Regen inzwischen aufgehört hat. Grund genug also den Moment zu nutzen einen kleinen Merch-Einkauf zu tätigen und sich zurück an der mobilen Wohnstätte des Regenmantels zu entledigen und das Outfit der etwas trockeneren und ein wenig wärmeren Wetterlage anzupassen.

Rechtzeitig zurück vor der Bühne reisen wir nun imaginär in die USA, genau genommen nach L.A., denn Deathchant stehen auf der Bühne. Langhaarig, zugepikert, fette Biker-Stiefel, ausgewaschene schwarze Jeans und eine exzellente Mischung aus Thin Lizzy Rock und Heavy Sludge. Vom ersten Riff an geben die Vier Vollgas und machen keine Gefangenen. Allen voran wirbelt der Bassist wie ein Derwisch über die Bühne. Während der Rest der Band sich in überragender Coolness an den beiden Gitarren und den Drums in Szene setzt, springt George Camacho mit wirbelnden Haaren auf der Bühne so lange vor und zurück, wie ein Durazel-Hase, dass es mich beginnt zu nerven. Normalerweise begeistert es mich, wenn gerade am Bass „die Action“ abgeht, aber hier ist es so weit drüber, dass es für mich das ansonsten von fast schon erhabener Lässigkeit dominierte Verhalten der anderen drei Rocker völlig torpediert. Um es überspitzt auszudrücken: Man stelle sich vor man hätte Dusty Hill durch Kermit ersetzt… Wobei Kermit heute noch eine andere Rolle spielen wird. Kurzum, ich hätte mir Deathchant vermutlich länger und intensiver angeschaut, wenn man dem guten George vorher vielleicht ein paar entspannende Kräuter verabreicht hätte. So allerdings haben wir einen netten L.A. Soundtrack zu Burger, Bier und Pathei (oder wie das heißt).

Gut gesättigt sind wir nun bei Band Nummer vier des Tages, ergo ist das erste Drittel bereits Geschichte. Diesen wehmütigen Gedanken wische ich aber sofort beiseite als Mouth aus Köln die ersten Töne durch die Boxen schicken. Schöner progressiver psychedelic Kraut-Blues-Rock mit einzigartiger Stimme. Mastermind, Komponist, Bandleader, Sänger, Gitarrist und Keyboarder Chris Koller überrascht mich hier auf ganz breiter Linie. Rein optisch würde man wohl kaum einen solch begnadeten Musiker hinter der recht buchalterisch spießigen Fassade erwarten, und diese glasklare in höchste Höhen reichende Stimme schon mal überhaupt nicht. Bei so mancher Passage hatte ich glatt Angst, dass mir die Brillengläser zerspringen. Musikalisch schwingen hier Purple, Floyd, Uriah Heep und Zeppelin mit, aber nur mit einem Hauch, denn musikalisch sind Mouth wirklich extrem eigenständig. Diese musikalische, fast schon nerdige Perfektion erkennt man im Besonderen, wenn man weiß, wie lange Koller an seinen Kompositionen feilt, tüftelt und arbeitet. Alleine für das erste Album hat es ganze neun Jahre gebraucht, bis er vollends damit zufrieden gewesen ist. Allerdings darf man hierbei nicht vergessen, dass er mit Thomas Johnen am Bass und Nick Mavridis an den Drums zwei hervorragende Musiker um sich hat, die das gesamte Konzept nahezu perfektionieren. Dieses Trio gefällt mir sehr gut und ganz langsam erhellt sich auch der Himmel, der dies wohl genauso sieht.

Von diesen psychedelischen, fast spacigen Klängen kommen wir nun zum schwedisch motivierten Blues-Rock von Black River Delta. Die vier noch verhältnismäßig jungen Musiker haben den Blues-Rock quasi mit der Muttermilch ihrer Eltern am heimischen Plattenteller aufgesogen. Exzellent gespielt und komponiert beherrschen die vier Schweden die große Bühne, allen voran allerdings der offenbar neue Sänger und Gitarrist Charlie Sandklef, welcher wohl erst kürzlich Erik Jacobs ersetzt haben muss, denn im Netz findet man darüber keinerlei Informationen. Er ist zumindest eine charismatische Erscheinung mit einer beeindruckend rauchig voluminösen Stimme, und diesen durchdringend stahlblauen Augen, die selbst Terrence Hill in den Schatten stellen könnten. Gitarrist und Mundharmonika Spieler Pontus Ohlsson erinnert mich irgendwie ein wenig an Thomas Juneor Andersson von Kamchatka in jüngeren Jahren, den Blues haben sie zumindest gleichermaßen im Blut. Alle vier gemeinsam vereinen den klassischen Blues und Blues-Rock mit Anleihen aus dem Country und Surfer-Style. Mir gefallen besonders die etwas rockigeren Uptempo-Nummern, obwohl auch die ganz tief im Blues verwurzelten Balladen sehr gut sind. Auch die hier und da punktuell eingesetzte Mundharmonika passt wie die Faust aufs Auge, auch wenn sie mir etwas zu dominant ins gesamte Setting gemischt ist. Erstaunlich, dass eine doch anscheinend noch verhältnismäßig junge Band sich so dem Blues-Rock verschreibt, und ihn mit einem respektvollen Maß an Frische innovativ ins Hier und Jetzt holt. Leider verlässt mit ihnen auch die gerade erst so zaghaft durch den bedeckten Himmel blitzende Sonne wieder die Bühne, und der Himmel verfinstert sich zunehmend in ein tiefes Dunkelgrau.

Noch bevor Godsleep die Bühne entern können beginnt es zu schütten, doch glücklicherweise nur ein kurzer heftiger Schauer, der bereits abebbt, als die Griechen die Bühne entern. Irgendwie war das aber auch nur logisch, denn zwei Naturgewalten zur selben Zeit am selben Ort wären selbst im Freak Valley zu viel, also musste der Platzregen weiterziehen, um Amie Makris den notwendigen Freiraum zu geben. Diese Frontfrau ist definitiv eine Naturgewalt! Zwischen Sandra Nasic und Alissa White-Gluz passt nur noch eine Amie Makris. Zwar growlt die Griechin nicht so viel und ausgiebig wie Alissa, hat aber mindestens genauso viel Power auf der Bühne. Die Fotografen und Fotografinnen knippsen sich an ihr die Finger blutig, während sie über die Bühne wirbelt wie ein Orkan. Vollkommen unprätentiös in verwaschenen Jeans-Shorts und einfachem schwarzen Top, wilder Haarmähne, nur mit einem auffälligen roten Lippenstift geschminkt, welcher sich mittig über das Kinn bis zum Hals erstreckt, hat sie dennoch eine allumfassende Präsenz. Guano Apes on Speed mit einer satten Schippe Heavy-Sludge, so rocken die Griechen die Sau durchs Dorf, während Amie zwischen Klargesang und Grwoling den Berserker rauslässt. Auf griechische Bands ist immer Verlass, und mit Godsleep steht nun eine weitere Band auf meiner Merkliste. An dieser Stelle wird mir einmal mehr bewusst, wie unglaublich abwechslungsreich das Line up in diesem Jahr wieder ist, selbst wenn die wirklich heftigeren Bands in diesem Jahr fast gar nicht vertreten sind.

Diese Erkenntnis wird mit der nächsten Band noch einmal unterstrichen, denn während sich das Infield gerade noch die trocken gewirbelten Haarmähnen richtet, starten Speck ihren Line Check. Und jeder der/die Volker kennt weiß, dass er nun gleich eine seiner absoluten Lieblingsbands neben MSK ankündigen wird, was für ihn ganz sicher eine besondere Freude sein wird. Ich bin sehr gespannt, denn ich habe viel über Speck gehört, sie aber noch nie live gesehen. Nach der erwartet liebevollen Ankündigung starten Speck dann in ihr etwas über eine Stunde dauerndes Set.

Das Trio aus Österreich ist bekannt für ihre ausufernden Jams zwischen Krautrock und psychedelic Space-Rock und ist in diesem Jahr die ausgewählte Band vom www.rockblogbluesspot.com (lest da ruhig mal rein, da gibt es eine Menge Berichte und musikalische Perlen zu entdecken). Auch Speck sind noch eine verhältnismäßig junge Band, und auch hier steht wieder eine Frau am Bass. Langsam fällt es mir immer öfter auf, dass gerade im psychedelisch rockigen Bereich recht viele Frauen am Bass den Ton angeben. Die ersten Minuten passiert leider nicht wirklich viel auf der Bühne, und die drei sind irgendwie auch nicht wirklich als Band präsent auf der Bühne, wie man es bei einem Auftritt erwarten würde. Vielmehr sind sie ganz bei sich und miteinander, sich gegenseitig zugewandt, wie man sich eine Band eher im Proberaum vorstellt. Der musikalische Aufbau ist für mich nach einer Power-Band wie Godsleep nun auch ein zu anstrengender Prozess, für den mir bedauerlicher Weise die Geduld fehlt, und leider auch das notwendige Ambiente. Diese Art von Musik kann ich entweder ganz am Anfang eines Festival-Tages bei Sonne und entspanntem Hopfen-Picknick vor der Bühne genießen, oder ganz spät an einem sich langsam abkühlenden warmen Festival-Tag mit entsprechender Licht-Show. Jetzt und hier ist mir das gerade dann doch etwas zu anstrengend, und überhaupt wäre ein Kaffee jetzt ganz wunderbar. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir den kleinen aber feinen Kaffee-Stand bevor der Himmel alle Schleusen öffnet und sich in einem alles und jeden durchnässenden Platzregen über dem gesamten Gelände entlädt. Während wir gerade mal eben so unter dem Vordach stehend unseren heißen Kaffee genießen, scheinen vor der Bühne dennoch wohl eine Menge Leute standhaft zu bleiben, denn nach einer kurzen lobenden Ansage von Gitarrist Marcel ist der Jubel immens. Davon beflügelt wirkt die Band fast wie entfesselt, treibt sich selbst gegenseitig zu Höchstleistungen an, und spielt damit den Regen ins Nirvana, was nach dem Verklingen des letzten ihrer drei gespielten Stücke in einem frenetischen Beifall und fast schon brachialem Jubel-Konzert mündet. Für mich wird an dieser Stelle klar, ich muss mir Speck definitiv noch einmal unter anderen Bedingungen in Ruhe und mit voller Aufmerksamkeit zu Gemüte führen.

Nun heißt es allerdings schnell sein, denn dank Irina, einer befreundeten Presse-Fotografin erhalten wir die Info von einem weiteren „Secret Gig“ auf der Dj-Stage. Also Hacken in den Teer und hin da. Und es hat sich gelohnt, denn EarthShip stehen auf der kleinen Bühne. Die Berliner Band um den Ex-Schlagzeuger von The Ocean Jan Oberg steht für kraftvollen Heavy-Sludge, grandiose Riffs und tiefgründige Texte. Und wieder steht eine Frau am Bass. Da scheint irgendwo ein System hinter zu stecken. Der Auftritt jedenfalls wird hart gefeiert, ist aber erwartungsgemäß kurzgehalten, da nun ja bereits die vorletzte Band des letzten Festivaltages sich auf der Bühne bereit macht.

Nachdem Volker seine vorletzte Bandansage getätigt hat entern Amyl & The Sniffers aus Australien die Bühne. Der Platz ist trotz noch immer leichten Regens sehr voll, und stetig strömen mehr Menschen vor die Bühne. Im hochgeschlossenen braunen Trenchcoat begrüßt Amyl das Publikum und rockt los, wie von der Tarantel gestochen. Ihre halblangen blonden Haare fliegen und wirbeln, während sie kompromisslos ins Micro röhrt. Falls noch irgendwer Zweifel hatte, sind diese nun definitiv Geschichte, denn hier regiert nun der Punkrock. Auch vor der Bühne geht buchstäblich der Punk ab, und als beim zweiten Song der Trenchcoat fliegt, ist die Menge kaum noch zu halten, denn auch nur ein Quadratzentimeter mehr nackte Haut wäre nicht mehr jugendfrei. Das ist definitiv das absolut knappste Bühnenoutfit in der gesamten Geschichte des Freak Valley Festivals. Dazu rockt der Rest der Band genauso rotzig und frech, während Amyl nun vollkommen freidreht. Sie peitscht die Menge geradezu an, singt sich die Seele aus dem Leib und spielt mehr als deutlich damit, dass sie gerade zahlreichen Herrschaften die Reißverschlüsse an ihre Belastungsgrenzen bringt. Große Ballons finden den Weg über das Publikum, welches bereits diverse Crowdsurfer über sich  hertransportiert. Dann bemerkt Amyl im Publikum denjenigen, der schon den gesamten Tag mit einer Kermit-Puppe auf der Schulter durch die Gegend läuft, und dieser lässt sich nicht zweimal Bitten und wirft den Frosch sofort direkt auf die Bühne, wo Amyl ihn in Empfang nimmt und zwei  Songs lang Teil der Band sein darf, bevor er dann erneut seinen Freiflug in die vordere Reihe antritt, wo der dann wild zappelnd den Rest des Auftrittes begleitet. Die Band hat Spaß, Amyl hat Spaß, die Menge vor der Bühne eskaliert. Was für eine unbändige Energie, was für eine Show! Das könnte gleich unter Umständen für Kadaver schwer werden, aber noch ist es nicht soweit. Eines ist aber schon jetzt sicher: Die beiden Front-Ladys des Tages haben den Herren aber mal gezeigt wie man Chuck Norris den Arsch epiliert!

Der Auftritt ist vorbei, die Menge tobt regelrecht, und nun steht das Finale an mit Kadavar aus Berlin. Für mich tatsächlich ein kleiner besonderer Moment, denn exakt vor 10 Jahren habe ich hier bei beim Freak Valley eines meiner ersten eigenen Interviews geführt, und das war tatsächlich mit dem noch recht jungen und sehr langhaarigen, bärtigen Lupus von Kadavar. Inzwischen hat er sich optisch doch sehr stark reduziert was seinen „Bewuchs“ angeht, aber musikalisch ist die Band nach wie vor grandios und hat einen beeindruckenden Werdegang hingelegt. Besonders freut es mich, dass ein entfernter „alter“ Bekannter von mir Kadavar nun als vierter Mann am Bass unterstützt. Jascha Kreft dürften einige ja sicher von seiner Band Odd Couple kennen, die er mit Kumpel und Schlagzeuger Tammo Dehn gemeinsam gründete. Ich kenne beide allerdings schon weit länger von ihrer vermutlich ersten Band „Duff Downer“ aus Norden mit der sie 2008 auf dem Wacken Rock Seaside gespielt haben. Was für ein beeindruckender Werdegang, der einmal mehr verdeutlicht, dass man einfach immer am Ball bleiben muss, wenn man einen Traum und ein Ziel hat. Aber zurück ins Hier und Jetzt. Kadavar stehen auf der Bühne und obwohl es nach Amyl vor der Bühne ein ganz klein wenig lichter geworden ist, strömen sie schon wieder zurück in den Schmelztigel. Musikalisch sind Kadavar ja quasi der Inbegriff des 70s basiertem Retro-Rock, egal ob man sie nun in die Proto/Psychedelic/Stoner- oder whatever Rock-Schublade stopfen möchte. Und auch hier schließt sich wieder ein Kreis, denn was mir bei Deathchant mit dem Bassisten so auf die Nerven geht, ist hier schlicht und ergreifend perfekt. Nicht nur, dass die vier schlanken und hochgewachsenen Berliner sich offenbar denselben kargen Ernährungsplan zu teilen scheinen, sie sind auch in ihrer gesamten Attitude eine stimmige Einheit auf der Bühne. Ihre musikalische Entwicklung blieb in den gesamten 10 Jahren durchweg stetig im Aufwärtstrend, und das gemeinsame Album mit Elder alias „Eldovar“ war noch einmal das Sahnehäubchen obendrauf. Hier auf der Bühne agieren sie vollkommen souverän, und Dragon am Bass ist ohnehin stets eine Erscheinung ohne sich zu aufdringlich in den Mittelpunkt rücken zu wollen. Musikalisch zeigen sie einen wunderbaren Querschnitt der vergangenen 10 Jahre, und zwischendrin gibt es dann auch bei einigen Songs Unterstützung durch einen 5. Mann, welcher sich aber im Hintergrund fast durchgehend in Nebel hüllt.

Noch während des Auftrittes beginnen wir uns von den uns über die Jahre so lieb gewonnenen Menschen zu verabschieden. Mit jedem Jahr wird diese kleine aber so unglaublich feine und liebenswerte Familie stetig ein wenig größer, und so wird auch der Trennungsschmerz am Ende stets immer weiter anwachsen, ebenso wie die Freude auf das Widersehen Jahr für Jahr. Und wie jedes Mal, so folgt auch in diesem Bericht wieder eine bodentiefe, ehrfürchtige und dankbare Verbeugung vor all denjenigen, welche Tage, Wochen, Monate und das gesamte Jahr auf dieses eine Wochenende hinarbeiten und dies alles möglich machen. Von dem herzensguten und unermüdlichem Ehepaar, welche in der AWO für stets saubere und bestückte Toiletten sorgen, den unzähligen HelferInnen, Thekenkräften, Securities, Catering-Leuten, Stagehands, Auf- und Abbauhelfern, Reinigungsdiensten, Organisatoren, Bookern, Social-Media-Beauftragten, den ganzen Ständen und und und…. In diesem Jahr möchte ich abschließend aber auch noch etwas erwähnen, was bei alldem fast immer zu kurz kommt, oder schon als so normal gesehen wird (was im Grunde ganz wunderbar ist, denn es sollte „normal“ sein, ist es nur vielerorts noch immer nicht): Mit und durch die Zusammenarbeit mit der AWO gibt es gerade beim Freak Valley diese ganz besondere Art der Inklusion. Nicht nur, dass seitens des Veranstalter-teams ein besonderes Augenmerkt darauf gerichtet ist, nein, hier findet Inklusion auch wirklich aktiv statt, denn viele der Mitarbeitenden und HelferInnen leben mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Vielen wird das vermutlich gar nicht auffallen, und exakt das macht gute Inklusion aus, dass man sie nicht bemerkt, weil es ganz normal ist! Es geht eben immer nur gemeinsam und miteinander, und seit den 10 Jahren in denen wir dabei sein dürfen, ist alles stets immer genauso gelaufen. Und wenn nicht, dann wurde es sehr gut verborgen.

Danke allen Rockfreaks, Danke Freak Valley <3 <3 <3 <3

Bis 2025!

Sam & Django

            Love, Peace & Rock´n Roll – Bis zum nächsten Jahr!

Abschließend ein von Herzen kommendes Danke an EUCH hier, die Ihr das alles bis zum Ende gelesen habt. Wenn es Euch gefallen hat, dann teilt diesen Bericht gern weiter.

Noch mehr Bilder und auch viele Impressionen vom diesjährigen Freak Valley Festival findet Ihr unter www.djangofoto.de

Sam & Django

(Danke Irina www.instagram.com/irunja_m für das wunderbare Foto! <3)

Text: Sabrina „Sam“ Vogel

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Bilder: Volkhard „Django“ Kulisch

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